Beste Stimmung beim „Afterwork-Bier“ in Paldau bei niceshops (Foto: niceshops GmbH)

Über 20.000 offene Stellen – nie zuvor waren es mehr. Nicht nur der eklatante Personalbedarf lässt in den steirischen Chefetagen die Köpfe rauchen, auch die gestiegenen Ansprüche der Bewerber: Während Home-Office, kostenlose Fitness-Einheiten und Kinderbetreuung schon zu den etablierten Klassikern zählen, verlangen die Bewerber nun sogar Urlaub ohne Limit, Pflegeurlaub für den Termin beim Hundefriseur oder Lehrberufe in Teilzeit.

Party-Stimmung mit Freibier am betrieblichen Beachvolleyball: Bei Logistiker Niceshops im südoststeirischen Paldau, dem laut „GreatPlaceToWork“ aktuell besten Arbeitgeber Österreichs, kehrt spätestens Freitagsnachmittag die Feierlaune ein.

Setzt u. a. auf Freibier und Beachvolleyball: Niceshops-Geschäftsführer Roland Fink (Foto: Oliver Wolf)
Setzt u. a. auf Freibier und Beachvolleyball: Niceshops-Geschäftsführer Roland Fink (Foto: Oliver Wolf)

„Den Mitarbeitern ein angenehmes und schönes Arbeitsumfeld zu bieten, ist heute für jedes Unternehmen existenziell. Durch den Fachkräftemangel hat der Arbeitsmarkt gedreht: Nun sitzen die Bewerber am längeren Ast“, sagt Geschäftsführer Roland Fink. Niceshops hat darauf schon vor Jahren – nicht nur mit Gratisgetränken – reagiert: „Im Sommer haben wir ein eigenes Kinderbetreuungsprogramm für unsere 350 Mitarbeiter eingerichtet. Außerdem haben wir ein eigenes „Feel Good“-Team installiert. Die Hauptaufgabe dieser vierköpfigen Abteilung ist es, Wünsche von Mitarbeitern zu erkennen, sie zu prüfen und umzusetzen“, erklärt Fink.

Trotz des vielfältigen Angebots würden die Forderungen der Bewerber immer dreister ausfallen, so der Entscheidungsträger. Zuletzt gab es etwa „die Forderung nach Pflegeurlaub während des Termins beim Hundefriseur“, schmunzelt der Niceshops-Geschäftsführer.

Der IT-Sektor war eine der ersten Branchen, die sich hin zu einem Bewerbermarkt gedreht hatt

Markus Seme, BearingPoint

Arbeiten am Strand und im Ausland 
Dass die Anforderungen an Unternehmen stetig steigen, bestätigt auch Markus Seme: Der Geschäftsführer von BearingPoint beschäftigt in Premstätten 200 am Arbeitsmarkt besonders rare Technologiespezialisten. „Der IT-Sektor war eine der ersten Branchen, die sich hin zu einem Bewerbermarkt gedreht hat“, sagt Seme.

„Wir bewerben uns bei den Mitarbeitern – nicht umgekehrt“: BearingPoint-Chef Markus Seme (Foto: BearingPoint)
„Wir bewerben uns bei den Mitarbeitern – nicht umgekehrt“: BearingPoint-Chef Markus Seme (Foto: BearingPoint)

Heutzutage sei es entscheidend, „die besten Mitarbeiter auf sehr hohem Niveau anzusprechen und zu unterstützen“,  so der BearingPoint-Geschäftsführer. In Premstätten locken daher Sportangebote wie Yoga oder Pilates, ein unternehmenseigener Massagedienst, kostenlose Öffi-Tickets oder ein Treuebonus (im Ausmaß von mehreren Tausend Euro nach drei Jahren im Unternehmen. „Kostenlose Getränke, Kaffee, Obst sind seit Jahrzehnten Standard in unserer Branche“, meint Seme.

Bei den Bewerbern stünden vor allem die Viertagewoche und „Workation“ – eine Mischung aus Arbeit („Work“) und Urlaub („Vacation“) – hoch im Kurs. Um diesem Trend Rechnung zu tragen, hat BearingPoint ein eigenes Programm ins Leben gerufen, in dem Mitarbeiter mehrere Wochen oder Monate in anderen internationalen Konzern-Niederlassungen leben und arbeiten können.

„Dadurch ermöglichen wir unseren Beschäftigten, Lebenserfahrungen etwa in Shanghai, Lissabon, Dubai, Chicago oder London zu sammeln“, sagt Seme.

Jungunternehmen bieten ihren Mitarbeitern immer öfter Urlaub ohne Limit an – vorausgesetzt natürlich, das Arbeitspensum erlaubt es.

Martin Mössler, Science Park Graz

Urlaub ohne Limit
Durchaus kuriose Blüten treibt der Personalengpass vor allem bei Start-ups: „Jungunternehmen bieten ihren Mitarbeitern immer öfter Urlaub ohne Limit an – vorausgesetzt natürlich, das Arbeitspensum erlaubt es. Dabei nehmen sich die Start-ups vor allem ein Beispiel an US-Unternehmen wie Netflix.

Der Streamingdienst hat dieses Modell bereits 2004 eingeführt“, erklärt der steirische Start-up-Experte Martin Mössler, der im Science Park Graz jährlich 25 Jungunternehmen entwickelt.

Urlaub ohne Limit werde in der Start-up-Branche immer beliebter, sagt Experte Martin Mössler (Foto: Jungwirth)
Urlaub ohne Limit werde in der Start-up-Branche immer beliebter, sagt Experte Martin Mössler (Foto: Jungwirth)

Hierbei sei allerdings Vorsicht geboten, so Mössler: „Unter der Prämisse, dass man nur dann auf Urlaub gehen dürfe, wenn die Arbeit erledigt sei, haben sich die Mitarbeiter der Online-Plattform Kickstarter beispielsweise gar nicht mehr frei genommen.“

Im Kampf um die besten Talente haben wir – neben klassischen Maßnahmen wie Lehrlingsveranstaltungen, Prämien sowie Aus- und Weiterbildungen – auch einen Mobilitätsbonus eingeführt.

Michael Winkelbauer, Winkelbauer

Angerer locken mit „echter“ Wertschätzung

Dass man auch mit bodenständigeren Maßnahmen erfolgreich in der Mitarbeiterakquise sein kann, bestätigt der oststeirische Spezialstahlverarbeiter Winkelbauer: „Im Kampf um die besten Talente haben wir – neben klassischen Maßnahmen wie Lehrlingsveranstaltungen, Prämien sowie Aus- und Weiterbildungen – auch einen Mobilitätsbonus eingeführt. So schießen wir jedem Lehrling zum 18. Geburtstag 1.000 Euro zum E-Bike, E-Auto oder klassischen vierrädrigen Untersatz zu. Außerdem laden wir die ausgezeichneten  Lehrlinge auf eine Reise nach Schweden ein“, sagt Geschäftsführer Michael Winkelbauer.

Beim oststeirischen Spezialstahlverarbeiter Winkelbauer sind zuletzt 30 neue Mitarbeiter dazugekommen. (Foto: Melbinger)
Beim oststeirischen Spezialstahlverarbeiter Winkelbauer sind zuletzt 30 neue Mitarbeiter dazugekommen. (Foto: Melbinger)

Von jungen Bewerbern kommt mittlerweile immer wieder der Wunsch, die Lehre als Teilzeitmodell zu absolvieren.

Michael Winkelbauer, Winkelbauer

Zuletzt habe man den Personalstock mit Hilfe der attraktiven Maßnahmen und „echter Wertschätzung sowie persönliches Eingehen auf den Menschen“, wie Winkelbauer festhält, um 30 Beschäftigte anheben können.

Dennoch sei man mit eigenwilligen Wünschen konfrontiert: „Von jungen Bewerbern kommt mittlerweile immer wieder der Wunsch, die Lehre als Teilzeitmodell zu absolvieren – kein einfaches Unterfangen“, erklärt Winkelbauer mit einem Augenzwinkern.

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