International wird Österreich um seine Berufsausbildung beneidet. Zuhause gilt die Lehre für viele noch immer als zweite Wahl. EuroSkills-Silbermedaillengewinnerin Daniela Koller und SkillsAustria-Teamchef Jürgen Kraft erklären, warum dieses Bild längst nicht mehr zur Realität passt – und weshalb Eltern bei der Berufswahl ihrer Kinder eine entscheidende Rolle spielen.
LINZ. Frankreich, Dänemark und bald China: Wenn Jürgen Kraft mit Österreichs besten jungen Fachkräften bei internationalen Berufswettbewerben unterwegs ist, erlebt der SkillsAustria-Teamchef ein bemerkenswertes Phänomen. Andere Länder schauen mit einiger Bewunderung auf das österreichische Ausbildungssystem.
„Jeder beneidet uns um unser Berufsausbildungssystem.“Jürgen Kraft, Geschäftsführer SkillsAustria
Gemeint ist vor allem die duale Lehre, aber auch die schulische Berufsbildung. Österreichs Fachkräfte gehören bei internationalen Wettbewerben regelmäßig zur Weltspitze.
Dann kommt Kraft nach Hause.
„Du schlägst die Zeitung auf am nächsten Tag und es ist schon wieder alles schlecht.“Jürgen Kraft
Für Kraft ist dieser Widerspruch symptomatisch. Während Österreich über Fachkräftemangel diskutiert, werde ausgerechnet jene Ausbildungsform noch immer unterschätzt, die einen wesentlichen Teil dieser Fachkräfte hervorbringt.

„Keine zweite Wahl“
„Die Berufsbildung ist keine zweite Wahl“, sagt Kraft. Das alte Bild – hier die Lehre, dort Matura und Studium – habe mit heutigen Karrierewegen immer weniger zu tun. Nach der Lehre könne ein Studium folgen, ebenso eine Führungsposition oder eine internationale Karriere. Auch die Verdienstmöglichkeiten für Fachkräfte hätten sich verändert.
Daniela Koller ist ein Beispiel dafür.
2016 trat sie noch unter ihrem damaligen Namen Daniela Lengauer bei EuroSkills in Göteborg an. In der Hotelrezeption holte sie Silber. Heute führt sie Teams, bewertet selbst Fachkräfte und engagiert sich als Skills Hero für die nächste Generation.

Eine akademische Laufbahn war dafür nicht die Voraussetzung. Koller entschied sich bewusst für eine Lehre.
Ihr Bruder hatte ihr vorgemacht, was sie daran reizte: eigenes Geld verdienen, praktisch arbeiten und am Ende des Tages sehen, was man geleistet hat. Sie absolvierte das Polytechnikum, begann ihre Lehre – und entschied sich im zweiten Lehrjahr zusätzlich für die Matura.
„Da hat das bei mir schon angefangen, mehr machen zu wollen als nur so das Minimum.“ Daniela Koller
Über mehrere Berufswettbewerbe führte dieser Weg schließlich zu EuroSkills. Heute sagt sie: Sie würde ihn „zu 100 Prozent wieder genauso machen“.
Wenn Mama, Papa, Oma und Opa mitentscheiden
Dass die Lehre trotzdem nicht für jeden Jugendlichen als gleichwertige Möglichkeit wahrgenommen wird, hat für Koller und Kraft auch mit dem Umfeld zu tun.
Kraft nimmt dabei ausdrücklich Eltern und Großeltern in die Pflicht. Deren Ratschläge seien keineswegs schlecht gemeint. Allerdings müsse auch dort das Wissen darüber aktualisiert werden, welche Möglichkeiten eine moderne Berufsausbildung eröffnet. Die Vorstellung, dass der Weg über die Lehre automatisch in einer beruflichen Sackgasse endet, sei schlicht überholt.
Koller formuliert es aus Sicht der Jugendlichen noch deutlicher. Würde sie heute wieder vor ihrer eigenen Berufswahl stehen, würde sie weniger auf andere und stärker auf sich selbst hören.
„Nicht auf das schauen, was Mama, Papa, Oma, Opa sagen – sondern herausfinden: Was ist meine Leidenschaft? Wo sehe ich mich selber drin?“Daniela Koller
Einkommen und Arbeitszeiten sollten nicht die ersten Kriterien sein. Entscheidend sei zunächst, einen Beruf zu finden, den man tatsächlich gerne macht.
„Jeder hat ein Talent und es geht nur darum, seine Talente zu finden.“Daniela Koller
„Die Grenze existiert oft nur im Kopf“
Was passieren kann, wenn dieses Talent gefunden wird, hat Koller selbst erlebt.
Schon als Jugendliche habe sie den Drang gehabt, mehr zu machen als andere. Gerade wenn ihr jemand vermittelte, etwas könnte zu viel sein, sei der Ehrgeiz besonders groß geworden: „Das zeige ich euch, dass das funktioniert und dass ich das machen kann.“
Bei den Berufswettbewerben wurde daraus eine Erfahrung, die weit über fachliches Können hinausging.
„Viele glauben, an eine Grenze zu kommen. Ich habe bei Skills die Erfahrung gemacht: Das existiert oft nur im Kopf.“Daniela Koller
Rückschläge gehörten für sie dabei ebenso dazu. Gerade darin sieht Koller heute einen Teil ihrer Vorbildwirkung: „Wenn es darum geht, Rückschläge wegzustecken und weiterzugehen, wenn andere sagen, da ist Ende oder auch wenn vielleicht der eigene Kopf einmal sagt, da ist das Ende, dann schon.“
Ihren damaligen Einsatz bereut sie nicht – auch wenn andere in ihrer Jugend möglicherweise mehr Freizeit gehabt hätten. „Ich würde das jedes Mal wieder genauso machen.“
Genau darin sieht auch Kraft den Wert solcher Vorbilder. Es gehe nicht darum, aus Fachkräften die nächsten Influencer zu machen. Junge Menschen müssten vielmehr sehen können, welche Wege andere mit einer beruflichen Ausbildung gegangen sind – und was damit möglich ist.
Menschen, die von internationalen Wettbewerben zurückkehren, könnten zeigen, „dass das keine zweite Wahl ist, die Lehre und die Berufsausbildung“.
Gegen den Fachkräftemangel
Für Kraft reicht die Debatte deshalb über das Image der Lehre hinaus. Sie betrifft unmittelbar eine der größten Herausforderungen für Österreichs Unternehmen.
„Den Nachwuchs müssen wir motivieren, fördern und ihm Perspektive geben. Dann werden wir auch diesen Fachkräftemangel einmal herwerden.“Jürgen Kraft
Vielleicht liegt darin der eigentliche Widerspruch: Österreich sucht dringend Fachkräfte – und diskutiert gleichzeitig noch immer darüber, ob jener Bildungsweg, der viele von ihnen hervorbringt, genauso viel wert ist wie ein akademischer.
Daniela Koller hat ihre Antwort darauf längst gefunden. Ihre Lehre führte sie über die Matura bis zu einer Silbermedaille bei EuroSkills und später in eine Führungsposition.
Und Jürgen Kraft erlebt bei internationalen Berufswettbewerben regelmäßig, wie andere Länder auf genau jenes System blicken, das Österreich selbst so gerne schlechtredet.