Wirtschaft aus der SteiermarkSonntag, 16. August 2026
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Trotz KI-Euphorie glaubt All for One-CTO: „ERP geht nicht weg!“

SAP steuert die Prozesse, KI-Agenten übernehmen immer mehr Arbeit – und klassische Softwareoberflächen könnten für viele Beschäftigte bald verschwinden. Was nach Zukunftsmusik klingt, beginnt in Unternehmen bereits Realität zu werden. Für SAP könnte künstliche Intelligenz dabei weniger Bedrohung als neuer Burggraben sein. Gleichzeitig entstehen völlig neue Sicherheitsrisiken. GRAZ. Morgens einloggen, Arbeitszeit erfassen, Reisekosten verbuchen, eine […]

Ulrich Faisst, All for One-CTO

SAP steuert die Prozesse, KI-Agenten übernehmen immer mehr Arbeit – und klassische Softwareoberflächen könnten für viele Beschäftigte bald verschwinden. Was nach Zukunftsmusik klingt, beginnt in Unternehmen bereits Realität zu werden. Für SAP könnte künstliche Intelligenz dabei weniger Bedrohung als neuer Burggraben sein. Gleichzeitig entstehen völlig neue Sicherheitsrisiken.

GRAZ. Morgens einloggen, Arbeitszeit erfassen, Reisekosten verbuchen, eine Bestellung anlegen oder Daten aus dem ERP-System holen: Für Millionen Beschäftigte gehört der direkte Kontakt mit SAP zum Arbeitsalltag. Doch genau dieser könnte in Zukunft deutlich seltener werden. Nicht weil SAP verschwindet – sondern weil sich zwischen Mensch und Unternehmenssoftware zunehmend eine neue Ebene schiebt: künstliche Intelligenz.

„Der Anwender sieht das weniger und weniger“, sagt Ulrich Faisst, Chief Technology Officer der All for One Group, im Technologiepodcast „Wider.Sprechen“. Künftig könnten KI-Agenten einen immer größeren Teil jener Aufgaben übernehmen, für die Mitarbeiter heute noch selbst durch SAP-Masken navigieren.

Das klingt zunächst nach einer Bedrohung für Europas größten Softwarekonzern. Tatsächlich könnte genau das Gegenteil eintreten.

SAP verschwindet – und wird wichtiger

Denn während die Benutzeroberfläche an Bedeutung verliert, bleiben die darunterliegenden Daten und Geschäftsprozesse bestehen. Finanzbuchhaltung, Einkauf, Produktion, Personal oder Logistik müssen auch dann korrekt funktionieren, wenn nicht mehr ein Mensch, sondern eine KI die einzelnen Schritte ausführt.

Faisst sieht darin einen entscheidenden Vorteil etablierter ERP-Systeme. Ein weltweit rechtskonformes Finanzsystem für zahlreiche Länder selbst nachzubauen, sei auch mit neuen KI-Werkzeugen alles andere als trivial. Sein Fazit: „Das ERP geht nicht weg.“

Wie diese neue Arbeitsteilung aussehen kann, zeigt ausgerechnet BrightFlare, das Unternehmen von „Wider.Sprechen“-Co-Host Markus Seme. Dort wurde SAP erst kürzlich eingeführt, erzählt der Technologie-Experte im führenden Podcast. „Gleichzeitig arbeitet bereits ein KI-Agent in Microsoft Teams. Mitarbeiter können ihm mitteilen, wann sie ihre Arbeit beginnen oder beenden. Der Agent fragt fehlende Informationen ab und sorgt dafür, dass die Daten im Hintergrund korrekt verarbeitet werden“, sagt Seme.

Der Mitarbeiter muss dafür nicht wissen, in welcher SAP-Maske welches Feld auszufüllen ist. SAP wird unsichtbarer – bleibt im Hintergrund aber die zentrale Datenbasis.

„AI eats Software“

Damit bekommt eine alte Silicon-Valley-These eine neue Wendung. 2011 prägte Investor Marc Andreessen den Satz „Software is eating the world“. Heute lautet die Frage: Frisst künstliche Intelligenz nun ihrerseits die Software?

Teilweise, meint Faisst. Vor allem einfachere SaaS-Anwendungen für einzelne Aufgaben könnten unter Druck geraten. Workflows, Dashboards oder kleinere Speziallösungen lassen sich mithilfe generativer KI zunehmend schneller erstellen. Je weniger komplex und geschäftskritisch eine Software ist, desto größer wird damit der Angriff auf ihr bisheriges Geschäftsmodell.

Beim Kern großer Unternehmen sieht Faisst die Situation anders. SAP-Systeme bilden hochkomplexe, regulierte Prozesse ab. Der Austausch eines solchen Systems sei daher eine völlig andere Größenordnung als das Ersetzen einer einzelnen Softwareanwendung.

KI könnte SAP damit paradoxerweise gleichzeitig unsichtbarer und wichtiger machen.

Wenn aus 50 Anwendern ein Agent wird

Das stellt allerdings auch das Geschäftsmodell der Softwareindustrie auf den Kopf. Jahrzehntelang wurden Unternehmensprogramme wesentlich danach verkauft, wie viele Menschen sie verwenden. Doch was ist ein „User“ noch wert, wenn ein einziger KI-Agent Aufgaben übernimmt, für die bisher 50 Mitarbeiter Softwarelizenzen benötigten?

Faisst erwartet deshalb eine Verschiebung weg von klassischen nutzerbasierten Lizenzmodellen. Stattdessen könnten Unternehmen künftig stärker für tatsächlich ausgeführte Transaktionen oder erzielte Ergebnisse bezahlen. Auch Beratungsunternehmen dürften zunehmend mit Festpreisen oder erfolgsabhängigen Modellen arbeiten.

Auch die SAP-Beratung selbst bleibt davon nicht verschont. Tätigkeiten, für die heute ganze Teams eingesetzt werden, könnten künftig teilweise automatisiert werden. KI kann bestehende Systeme analysieren, Reports erstellen oder Vorschläge für standardisierte Prozesse liefern.

Vor allem am unteren Ende der klassischen Beratungspyramide erwartet Faisst Veränderungen: Einen Teil jener Aufgaben, die bisher Junior-Berater in Analyse, Skalierung und Rollout übernehmen, werde künftig KI erledigen. Senior-Beratung und der Dialog über strategische Zielbilder blieben dagegen notwendig.

Plötzlich sprechen Hacker ABAP

Die neue KI-Welt hat allerdings eine Kehrseite. Ausgerechnet die Komplexität von SAP war lange auch ein gewisser Schutz vor Cyberangriffen. Spezifisches Wissen über Technologien und Programmiersprachen wie ABAP war außerhalb der SAP-Welt vergleichsweise wenig verbreitet.

Diese Hürde fällt.

„AI spricht jetzt auch ABAP“, warnt Faisst. Angreifer können KI als Übersetzungs- und Unterstützungswerkzeug verwenden und damit Technologien attackieren, für die früher erhebliches Spezialwissen notwendig war. Gleichzeitig steigt mit autonomen Agenten die Zahl potenzieller Angriffspunkte: Wenn ein Agent mit den Berechtigungen eines Mitarbeiters selbstständig Prozesse ausführen darf, kann ein kompromittierter Agent theoretisch auch entsprechenden Schaden verursachen.

Angriffe könnten sich dadurch stärker von der klassischen Infrastruktur direkt in Geschäftsprozesse verlagern. Gerade weil SAP einen erheblichen Teil der wirtschaftlichen Abläufe großer Unternehmen abbildet, werden solche Systeme zu attraktiven Zielen.

Wer steuert also das Unternehmen?

SAP selbst fasst die Entwicklung unter dem Begriff „Autonomous Enterprise“ zusammen: Unternehmen, in denen KI, Datenplattformen und automatisierte Prozesse immer enger zusammenspielen. Für Faisst ist genau diese Transformation derzeit eines der bestimmenden Themen der SAP-Welt.

Damit bleibt am Ende eine Frage: Wenn die KI entscheidet, ein Agent den Prozess ausführt und SAP im Hintergrund die Daten und Regeln liefert – wer steuert dann eigentlich noch das Unternehmen?

Faissts Antwort fällt überraschend konventionell aus: der Mensch.

Denn so autonom die Systeme auch werden: Die Verantwortung könne die KI dem Unternehmen nicht abnehmen.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Veränderung: SAP verschwindet nicht. Der Mensch verschwindet nicht. Aber beide könnten künftig deutlich weniger selbst tun.