Auf vielen Almen kostet allein die tägliche Kontrolle der Tiere mehrere Stunden. Das Grazer Start-up ViehFinder will diesen Aufwand deutlich reduzieren. Im ESA Business Incubation Center Austria, angesiedelt in der Start-up-Schmiede Science Park Graz, entwickelt das Jungunternehmen intelligente Halsbandsensoren, die Weidetiere orten und ungewöhnliche Bewegungen automatisch erkennen. Der Marktstart ist für 2027 geplant.
GRAZ. Die Almwirtschaft ist nach wie vor ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Mehr als 320.000 Hektar Almfutterflächen werden in Österreich bewirtschaftet – eine Fläche, die rund siebenmal so groß ist wie Wien. Gleichzeitig gerät sie zunehmend unter Druck: Seit dem Jahr 2000 ist die landwirtschaftlich genutzte Fläche österreichweit um 14 Prozent zurückgegangen.
Umso wichtiger werden Lösungen, die den Arbeitsaufwand auf den Almen reduzieren und die Bewirtschaftung langfristig sichern – wie die Lösung von ViehFinder: Das Grazer Unternehmen entwickelt ein digitales System, mit dem Landwirte jederzeit nachvollziehen können, wo sich ihre Rinder, Schafe, Ziegen oder Pferde befinden.
Die Grundlage dafür bilden intelligente Halsbandsensoren, die ihre Position über das europäische Satellitennavigationssystem Galileo bestimmen und an eine App übertragen. Martin Mössler, Geschäftsführer des Science Park Graz und des ESA Business Incubation Centre Austria, betont: „Weltraumtechnologien entfalten ihren größten Nutzen dort, wo sie konkrete Herausforderungen auf der Erde lösen. Genau das ist unser Anspruch: Wir begleiten Start-ups, die aus Spitzentechnologie wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen entwickeln und gleichzeitig einen nachhaltigen Beitrag leisten. ViehFinder ist dafür ein hervorragendes Beispiel.“


Ursprung im Mölltal
Die Idee für ViehFinder hat ihren Ursprung im Kärntner Mölltal: Dort wächst Gründer und Geschäftsführer Peter Lederer auf einem landwirtschaftlichen Betrieb auf und erlebt schon als Kind, wie viel Zeit die tägliche Kontrolle von Tieren auf weitläufigen Almen in Anspruch nimmt. Stundenlang nach Tieren zu suchen – das gehört bis heute vielerorts bis heute zum Alltag, weiß der 58-jährige Gründer. „Die Almwirtschaft ist für Österreich enorm wichtig – für die Landwirtschaft, den Tourismus und die Biodiversität. Unser Ziel ist es, die Almbewirtschaftung mit moderner Technik einfacher zu machen. Wenn noch mehr Bauern damit aufhören, wäre das ein Problem für ganz Österreich“, unterstreicht Lederer.
Gemeinsam mit seinen beiden Söhnen Raphael und Jakob gründet er daher 2020 ViehFinder: Während der Vater die Elektronik verantwortet, bringen die beiden Söhne ihre Expertise aus Wirtschaftsingenieurwesen, Maschinenbau und Physik ein.
Bewegungsmuster und Sensorendaten
Mittlerweile ist die unternehmenseigene Entwicklung fortgeschritten – und bietet auf der Alm konkreten Mehrwert: „Landwirte wissen mit unserer Applikation jederzeit, wo sich ihre Tiere befinden. Gerade auf großen Almen spart das viele Stunden Arbeit. Hirten und Almgemeinschaften können auf einen Blick kontrollieren, ob die Herde vollständig ist und wo sich einzelne Tiere aufhalten“, erklärt Lederer.
Im Rahmen des ESA-Inkubationsprogramms entwickelt ViehFinder die Technologie aktuell entscheidend weiter: Die neue Generation an Halsbandsensoren erfasst zusätzlich auch Bewegungsmuster und Umgebungsdaten.
„Dadurch kann das System künftig auch ungewöhnliche Situationen erkennen“, erklärt der Gründer. Heißt: Bewegt sich eine Herde plötzlich auffällig, könnte das auf einen Wolf oder Bären hindeuten – aber ebenso auf Wanderer mit Hunden, die Tiere aufschrecken. Bleibt ein Tier über längere Zeit regungslos, kann dies auf eine Verletzung hinweisen. „Derzeit testen wir diese Funktionen gemeinsam mit Landwirten in der Steiermark und Kärnten“, erklärt Lederer.
Vor Markteinführung
Auch der Klimawandel spielt bei der Weiterentwicklung eine Rolle: Künftig sollen Satellitendaten zur Schneelage und Vegetationsentwicklung eingebunden werden. „Damit könnten Landwirte besser beurteilen, wann Almen bestoßen werden können oder der richtige Zeitpunkt für den Almabtrieb gekommen ist“, erklärt der ViehFinder-Geschäftsführer. Derzeit bereitet das Grazer Start-up die Markteinführung vor. Anfang 2027 soll das System rechtzeitig zur nächsten Almsaison verfügbar sein.
Für den weiteren Wachstumskurs zeigt sich Lederer offen: „Wenn wir die Produktion aufbauen, werden wir zusätzliche Partner brauchen. Für Investoren sind wir daher grundsätzlich offen.“