140 Millionen Euro-Projekt: 50.000 Tonnen Epoxidharz werden jährlich am neuen, mit Grazer Know-how entwickelten Standort in der Türkei hergestellt. (Foto: KVT)

Kanzler Verfahrenstechnik (KVT) zählt zu den stillen Schwergewichten der steirischen Chemieindustrie: Das Familienunternehmen hat sich international einen Namen gemacht und realisiert aktuell Epoxidharz-Großanlagen in der Türkei und in China. Möglich wird dieser Erfolg durch eigene Technologien, hohe Investitionen in Forschung und Pilotanlagen – und eine Finanzierungsstrategie, die auf exportorientierte Instrumente der Steiermärkischen Sparkasse setzt.

GRAZ. Ein Blick auf die Baustelle in der Türkei reicht, um zu erkennen, in welcher Liga die steirische Kanzler Verfahrenstechnik (KVT) spielt: Auf dem Gelände des Chemiekonzerns Akkim Kimya entsteht eine Epoxidharz-Großanlage der neuesten Generation – ein Projekt mit einem Gesamtvolumen von 140 Millionen Euro.

Der türkische Konzern investiert in Anlagen zur Produktion jener Kunstharze, die als hochfeste, chemikalienbeständige Bindemittel in Beschichtungen, Klebstoffen, Verbundwerkstoffen, Leiterplatten und elektrischen Bauteilen zum Einsatz kommen. Ohne diese Hochleistungsharze gäbe es weder moderne Windkraftrotoren noch zahlreiche Schlüsselkomponenten der Elektronik-, Bau- und Automobilindustrie.

Partner: Steiermärkische-Vorstandsmitglied Oliver Kröpfl mit KVT-Gründer Walter Kanzler (Foto: Foto Fischer)

Steirische Wertschöpfungskette

KVT spielt dabei eine zentrale Rolle: Das Umwelttechnik- und Chemieunternehmen liefert das komplette „Process Design Package“ – also das technologische Fundament der Anlage, bestehend aus Stoff- und Energiebilanzen, Verfahrensfließbild, Reaktionsführung, Sicherheitskonzepten und allen prozesskritischen Parametern.

Ebenso verantworten die Grazer die Planung von sämtlichen Apparaten, Leitungsführungen, Funktionsbeschreibungen und mechanischen Auslegungen. 24 Millionen Euro lässt sich Akkim Kimya die steirische Expertise und Schlüsselkomponenten der Anlage kosten, auf dessen Basis die gesamte Prozesskette entsteht: von der Glycerin-Destillation über die Herstellung des chemischen Grundstoffs Epichlorhydrin bis hin zur finalen Produktion der Epoxidharze.

„Unsere Kompetenz liegt nicht in einzelnen Apparaten, sondern im geschlossenen Prozess – von der ersten Reaktion bis zum fertigen Produkt“, sagt Geschäftsführer Florian Kanzler.

„Grüne Chemie“

Vorteil von KVT am internationalen Markt: Statt fossile Rohstoffe einzusetzen und Abfälle extern zu entsorgen, werden erneuerbare Einsatzstoffe verwendet und Nebenprodukte konsequent im eigenen Prozess weitergenutzt. 

Kanzler erklärt den Prozess: „Die Epoxidharzproduktion beginnt bei uns mit pflanzlichem Glycerin. Daraus erzeugen wir Epichlorhydrin und anschließend hochreine Harze.“ Die bei dieser Herstellung entstehenden salzhaltigen Abwässer, sogenannte Solen, würden nicht abgeführt werden, sondern in Anlagen wiederaufbereitet, so der Geschäftsführer. Die gereinigte Sole könne im Anschluss wieder als Rohstoff für die Elektrolyse gewonnen werden. „Jede dieser Stufen hat eigene Herausforderungen – und sie funktionieren nur zuverlässig, wenn das verfahrenstechnische Konzept im eigenen Haus entwickelt, pilotiert und abgesichert wird“, so Kanzler.

Auch beim Bau eines großindustriellen Chemieprojekts der Qingdao Haiwan Group in China kam das Know-how von KVT zum Einsatz. (Foto: KVT)
Auch beim Bau eines großindustriellen Chemieprojekts der Qingdao Haiwan Group in China kam das Know-how von KVT zum Einsatz. (Foto: KVT)

Steiermärkische unterstützt Export-Champion

Das 220-köpfige steirische Unternehmen (90 Mitarbeitende sind am Hauptsitz in Graz-Ragnitz sowie am Forschungsstandort in Ebersdorf bei Radegund beschäftigt, dazu jeweils 60 in Merseburg und Krakau) ist seit der Gründung vor 34 Jahren zum Export-Champion avanciert: 95 Prozent des Umsatzes werden außerhalb Österreichs generiert. Allen voran in Asien, wo mittlerweile in etwa die Hälfte des weltweiten Chemiemarkts gestemmt wird. Beleg dafür ist nicht nur das Großprojekt in der Türkei: Erst unlängst hat KVT auch ein internationales Leuchtturmprojekt in China abgeschlossen.

KVT-Gründer Walter Kanzler erklärt: „Die Dimensionen sind deutlich größer als in Europa – nicht zuletzt, weil die Nachfrage nach effizienten, emissionsarmen Anlagen in Asien wesentlich schneller wächst. Die technischen Anforderungen sind hoch, die Projektstrukturen komplex und die langen Laufzeiten verlangen erhebliche Vorfinanzierung sowie präzise Ressourcenplanung.“

Hier kommt die Steiermärkische Sparkasse ins Spiel: Sie begleitet KVT seit Jahren bei Standortinvestitionen, beim Ausbau des F&E-Zentrums und bei exportorientierten Betriebsmittelfinanzierungen. Gemeinsam mit der Österreichischen Kontrollbank wurden Strukturen geschaffen, die es dem Unternehmen ermöglichen, auch großvolumige Projekte zu stemmen. „Bei Exportquoten jenseits der 95 Prozent sind OeKB-gestützte Finanzierungen kein Zusatztool, sondern ein strategischer Hebel. Unsere Aufgabe ist es, jene Entwicklungs- und Wachstumsphasen abzusichern, die für internationale Projekte entscheidend sind“, sagt Oliver Kröpfl, Vorstandsmitglied der Steiermärkischen Sparkasse.

Partner der ersten Stunde: Vorstandsmitglied Oliver Kröpfl mit Walter Kanzler und Dagmar Eigner-Stengg, Leiterin des Gründer-Center der Steiermärkischen Sparkasse (Foto: Foto Fischer)

Wachstumskurs in der Steiermark

Die enge Verzahnung aus internationalen Großprojekten und einer auf Export ausgelegten Finanzierungsstruktur bedingt ein technisches Fundament im Inland: Am Hauptsitz in Graz wurden Office- und Entwicklungsinfrastruktur zuletzt um 400 Quadratmeter erweitert. Noch deutlicher fallen die Investitionen am Forschungsstandort in Ebersdorf bei Radegund in den letzten Jahren ins Gewicht: Mehrere Millionen Euro wurden in Labore, Analysegeräte, Pilotanlagen und eine 2.000 Quadratmeter umfassende Testinfrastruktur investiert.

Geschäftsführer Florian Kanzler betont: „Unsere steirischen Standorte sind unser Rückgrat. Nur wenn ein Prozess in unseren Laboren stabil läuft, können wir ihn weltweit ausrollen. Ohne diese Entwicklungsbreite wäre kein Projekt in der Türkei oder China realisierbar – und ohne den Ausbau in Graz könnten wir die zunehmende Komplexität gar nicht mehr bewältigen.“

Zu Gast beim Partner: Vertreter der Steiermärkischen Sparkasse bei Kanzler Verfahrenstechnik (Foto: Foto Fischer)

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