Herbert Decker vor den Schweißrobotik-Systemen in Liezen (Foto-Montage/Foto: MFL)

Herbert Decker leitet mit der MFL einen der größten Industriebetriebe der Region – und spürt täglich, wie eng Unternehmensführung und Standortpolitik im Ennstal miteinander verwoben sind. Im Gespräch mit Wirtschaftswelt spricht er über die besondere Verantwortung eines regionalen Leitbetriebs, die persönliche Last ständiger Erwartung – und warum die Absage an das Leitspital für ihn weit mehr ist als ein politischer Fehler: Sie sei ein Risiko für die wirtschaftliche Zukunft der gesamten Region.

Sie führen Ihr Unternehmen in einer Region mit viel Natur, aber abseits des großen Ballungsraums. Ist das für Sie Standortvor- oder -nachteil?

Herbert Decker: Im hochrangigen Straßennetz liegen wir unmittelbar an einer transeuropäischen Achse. Binnen 90 Minuten sind wir in drei österreichischen Landeshauptstädten, daher würde ich vielmehr von einer sehr guten Anbindung sprechen. Die reale Schwachstelle liegt nicht bei der Straße, sondern beim öffentlichen Fernverkehr: Großprojekte wie Brenner, Koralm oder Semmering führen an uns vorbei – eine solche überregionale Schlagader im Zugverkehr fehlt uns. Und dass der Bosruck-Ausbau erst 2040 fertig wird, ist für die Region ein verlorenes Jahrzehnt. Handlungsbedarf besteht neben den überregionalen Bahnverbindungen auch bei der Gesundheitsversorgung. Aber was die Straßenanbindung und die Lebensqualität betrifft, hat die Region klare Pluspunkte zu bieten.

Welche denn?

Die Lebensqualität ist tatsächlich enorm. Wir haben überbordende Natur, hohe Sicherheit, vielfältige Sport- und auch Kulturmöglichkeiten – dafür keine Probleme von Ballungsräumen wie Verkehr, Stau, Feinstaub oder soziale Unverträglichkeiten. Internationale Kunden sind oft begeistert von unserer Lage und beneiden uns dafür, in einer Region arbeiten und leben zu dürfen, wo andere Urlaub machen.

Sie machen hier keinen Urlaub, sondern arbeiten im Ennstal. Bedeutet dieser Standort für Sie als Geschäftsführer im Alltag einen zusätzlichen Aufwand?

Herbert Decker: Nein. Man braucht nur zu vergleichen: Auch in Wirtschaftszentren fährt man gleich einmal 90 Minuten zum nächsten Flughafen. Unsere Erreichbarkeit unterscheidet sich hier nicht. Straßenverkehrstechnisch sind wir – wie gesagt – sehr gut angebunden. Das ist nicht das Problem. Der tatsächliche strategische Nachteil entsteht an anderer Stelle: Die Regionalflughäfen verlieren an Angebot, internationale Verbindungen stehen unter wirtschaftlichem und ökologischem Druck. Das schwächt die globale Anbindung eines Industrieunternehmens wie der MFL. Wenn Regionalflughäfen ausgedünnt werden, braucht es zwingend eine starke Bahn als Gegengewicht. Genau dort fehlt es. Wir machen deshalb vieles über den Individualverkehr. Früher bin ich von Linz aus in die halbe Welt gereist – das zeigt, was regionale Flughäfen leisten können, wenn man sie stärkt. Wenn nicht, muss die Bahn diese Rolle übernehmen. Das ist auch für die Region von höchster Relevanz.

Scheitern ist faktisch keine Option.

Herbert Decker über die Erwartungshaltung in der Region

Liezen ist kein Ort, an dem man sich hinter Anonymität verstecken kann. Wie sehr merkt man als Geschäftsführer, dass jede Entscheidung regional ausstrahlt?

Herbert Decker: Das merkt man deutlich. In einer Region wie Liezen gibt es keine Anonymität – jede Entscheidung hat eine regionale Ausstrahlung. Damit muss man umgehen können. So eine Aufgabe hält man nur aus, wenn man Resilienz entwickelt und ein echtes Verantwortungsbewusstsein mitbringt. Die meisten Menschen in so einer Position haben diesen inneren Antrieb: etwas zu gestalten, etwas zu verbessern, etwas zu schaffen, das über einen selbst hinaus Wirkung hat. Ein Unternehmen am Laufen zu halten, das Hunderten Menschen ihren Lebensunterhalt sichert und gleichzeitig Produkte herstellt, die über die ganze Welt verstreut zuverlässig ihre Funktion erbringen, ist ein enormer Kraftstrom. Aber er hat auch eine Kehrseite.

Welche denn?

Die psychische Belastung ist hoch – und der Grat zwischen Gestaltungskraft und Überlastung ist extrem schmal. Je sichtbarer man ist, desto dünner wird dieser Grat. Deshalb braucht es gute Leute, die mitziehen – und ein Team, das zusammenhält. Vieles liegt nicht im eigenen Einflussbereich, man ist ständig äußeren Faktoren ausgesetzt. Mit diesen Grenzen umgehen zu können, ist wahrscheinlich eine der zentralen Führungsaufgaben an einem Standort wie diesem.

Die Ärztinnen und Ärzte vor Ort leisten extrem viel. Sie geben alles – und sie hätten die bestmögliche Infrastruktur verdient. Die jetzige Lösung schreibt einen Zustand fort, der schon heute an Grenzen stößt. Aus meiner Sicht ist das nicht mal ein Kompromiss, sondern ein grotesker, parteipolitischer Unfug. Es ist die schlechteste Lösung überhaupt.

Herbert Decker über die Leitspital-Debatte

Spüren Sie als regionaler Arbeitgeber manchmal Druck, Erwartungen zu erfüllen, die weit über den Betrieb hinausgehen?

Herbert Decker: Definitiv – und er ist anders als in einer Großstadt. Verantwortung zu tragen, gehört zum Job jedes Geschäftsführers. Aber hier kommt eine regionale Dimension dazu: Die Entscheidungen eines großen Arbeitgebers wirken unmittelbar auf das Umfeld zurück. Man steht stärker in der Auslage, weil wirtschaftliche Entwicklungen in Liezen nicht abstrakt sind – sie betreffen Familien, Gewerbebetriebe, ganze Gemeinden. Damit entsteht eine besondere Form von Erwartung: Scheitern ist faktisch keine Option. Und natürlich überlegt man, wie ein mögliches Scheitern bewertet würde – als bis zum Ende glorreich geführter Kampf oder als persönliches Versagen. Diese soziale Nähe unterscheidet den Standort. Wenn man beim Billa an der Kasse steht, begegnet man Mitarbeitenden, Lieferanten, Eltern von Lehrlingen. Das schafft ein anderes Verantwortungsgefühl und damit auch einen anderen Druck. In Graz am Lendplatz wäre man einer von vielen – hier nicht. Hier zählt jede Entscheidung doppelt.

Wie persönlich treffen Sie Standortdiskussionen – Straßen, Bahn, Leitspital –, wenn Sie wissen, dass sie am Ende auch über die Zukunft Ihres Betriebs entscheiden?

Herbert Decker: Solche Standortthemen treffen mich persönlich in Mark und Bein. Weil sie direkt über die Zukunft des Betriebs entscheiden. Mit der Verantwortung wächst ein innerer Drang, mehr zu tun, als nur das eigene Unternehmen zu führen. Man merkt, dass Themen wie Verkehr, Bildung oder Gesundheitsversorgung nicht am Werkszaun enden. Ich engagiere mich deshalb auch außerhalb des Betriebs, etwa bei Bildungsinitiativen wie etwa der Frage, wie wir ein universitäres Angebot in die Region bekommen. Das ist nicht selbstlos – wir brauchen gut ausgebildete Fachkräfte. Aber es ist auch eine logische Folge der Rolle: Man steht stärker im Blickpunkt, die eigene Stimme hat mehr Gewicht – und die Region erwartet, dass man sie nutzt. In so einer Position hat man Verantwortung über den Betrieb hinaus.

Das Leitspital kommt nun nicht nach Liezen. Wie entscheidend ist ein funktionierender Gesundheitsstandort, wenn Sie Fachkräfte anwerben wollen?

Herbert Decker: Ein moderner Gesundheitsstandort ist für die Region und für Unternehmen wie unseres enorm wichtig. Das Leitspital hätte genau das leisten können. Drei kleine Häuser parallel weiterzuführen, ist – und das sagen alle Gesundheitsökonomen – weder wirtschaftlich noch vom Versorgungsangebot her sinnvoll. Ich kann nachvollziehen, dass motivierte Spitzenmediziner Routine im Sinne von Fallzahlen und moderne Umgebungsbedingungen brauchen  – beides gibt es in kleinen Strukturen nicht ausreichend. Für uns als Arbeitgeber ist das ein Standortfaktor. Die Entscheidung sendet das Signal, dass man nicht bereit ist, in die Zukunft der Region zu investieren, obwohl es sachlich geboten wäre. Dabei wäre diese Region ideal: hohe Lebensqualität, gute Lage, viel Potenzial. Ein Leitspital hätte das sichtbar gemacht. Dabei muss man eines ganz klar sagen: Die Ärztinnen und Ärzte vor Ort leisten extrem viel. Sie geben alles – und sie hätten die bestmögliche Infrastruktur verdient. Die jetzige Lösung schreibt einen Zustand fort, der schon heute an Grenzen stößt. Aus meiner Sicht ist das nicht mal ein Kompromiss, sondern ein grotesker, parteipolitischer Unfug. Es ist die schlechteste Lösung überhaupt.

Auf der B320 gilt seit kurzem wieder ein Fahrverbot für Lkws über 7,5 Tonnen. Wie belastend ist das für den Wirtschaftsstandort Liezen?

Herbert Decker: Für mich ist das Fahrverbot de facto kein Thema. Schwerverkehr gehört auf ein höherrangiges Straßennetz – Punkt. Seit dem Lückenschluss auf der Pyhrn-Autobahn geschlossen, gibt es überhaupt kein Argument mehr, warum 40-Tonner durch ein Alpental fahren sollen – Ziel und Quellverkehr einmal ausgenommen. Wer glaubt, dass Transporte dadurch billiger werden, irrt. Fracht wird nicht günstiger, nur weil ein Lkw über Schladming fährt – und die Menschen dort haben ein Recht auf Ruhe und Lebensqualität. Wenn man die größere Straßenkarte anschaut, würde niemand ernsthaft auf die Idee kommen, hier eine Transitroute einzuziehen. Was wirklich belastet, ist nicht das Fahrverbot, sondern dass wir bis heute keine ordentliche Umfahrungslösung für Liezen haben.

Was würde sich für Sie und Ihre Mitarbeiter am meisten ändern, wenn Bahn- und Straßeninfrastruktur endlich auf ein modernes Niveau gehoben würden?

Herbert Decker: Die Straßeninfrastruktur ist – wie gesagt – kein Problem. Bei einem Ausbau der Bahninfrastruktur zu Gunsten höherer Taktfrequenzen von regionalen und internationalen Verbindungen würden wir Dienstreisen verstärkt mit der Bahn durchführen. Umweltbewusste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden vielleicht vermehrt mit dem Zug zur Arbeit fahren.

Insbesondere in der Gießerei, in der Decker zunächst Karriere machte, zählt die MFL in Bezug auf Ökologie zu den Vorreitern (Foto: INstyle)
Insbesondere in der Gießerei, in der Decker zunächst Karriere machte, zählt die MFL in Bezug auf Ökologie zu den Vorreitern (Foto: INstyle)

Verliert das Ennstal durch die Koralmbahn an Sichtbarkeit – oder sehen Sie indirekte Chancen?

Herbert Decker: Natürlich verliert das Ennstal an Sichtbarkeit. Das muss man offen und ohne Eifersüchtelei sagen. Der politische und mediale Fokus liegt auf der direkten Achse Klagenfurt-Graz, und davon profitiert in erster Linie genau diese Strecke. Selbst Regionen, die viel näher liegen, reagieren teilweise schon verschnupft. Schön, wenn die Klagenfurter Studenten jetzt leichter nach Graz kommen und die Tochter aus Graz die Mama in Klagenfurt auf einen Nachmittagskaffee besuchen kann. Die Koralmbahn wird in meinen Augen diesbezüglich überbetont – das eigentliche Nadelöhr ist der Semmering und die Strecke Bruck-Graz. Dort brauchen wir die Entlastung viel dringender. Zumindest gibt es indirekte Chancen, auch wenn die kaum jemand anspricht.

Welche?

Für den Güterverkehr kann die Kombination aus Koralmbahn und Bestandsstrecke im Sinne eines Ostsee-Adriatischen Meer-Korridors, der Europa von Norden nach Süden verbindet, ein echter Vorteil werden: Zwischen Bruck und Villach entsteht faktisch eine viergleisige Verbindung mit rund 30 Prozent mehr Kapazität. Für Häfen wie Koper, Triest oder Danzig bedeutet das kürzere Transportzeiten und durchgängige Containerverbindungen – das ist für die Industrie in Mitteleuropa relevant. Wenn Graz dadurch weiter zu einem internationalen Logistik-Hub aufsteigt und wir Güter effizient über die Straße zuführen können, profitieren wir mit. Nur: Das geht in der öffentlichen Diskussion völlig unter. Der größte Effekt der Koralmbahn ist aktuell der Hype – nicht die reale regionale Wirkung.

Für das Ennstal, den Bezirk Liezen und die regionale Wirtschaft war von der neuen Landesregierung bislang weder eine sichtbare Präsenz noch ein erkennbares Signal spürbar – abgesehen von der negativen Entscheidung rund um das Leitspital.

Herbert Decker über die neue Landesregierung

Fühlen Sie sich von der Politik bei diesen Infrastrukturthemen mitgenommen?

Herbert Decker: Nein. Ich fühle mich bei den großen Infrastrukturthemen überhaupt nicht mitgenommen. In den letzten Jahren war niemand hier. Wenn ich mir die steirische Landkarte anschaue, endet sie politisch gesehen an der Mur-Mürz-Furche. Dann gibt es noch die Exklave Schladming fürs „Nightrace“ – und das war’s. Für das Ennstal, den Bezirk Liezen und die regionale Wirtschaft war von der neuen Landesregierung bislang weder eine sichtbare Präsenz noch ein erkennbares Signal spürbar – abgesehen von der negativen Entscheidung rund um das Leitspital. Das ist eine Form der Geringschätzung, die nicht nur uns trifft. Es ist eine Graz-Zentriertheit, die man offen ansprechen muss. Fakt ist: Wir rackern hier selbst für unsere Region – und diesen Kampf führen wir im Moment allein. Umso wichtiger wäre es, dass wir miteinander ins Gespräch kommen, damit die Lebensrealität der Region verstanden wird und künftige Entscheidungen auf einer klaren, gemeinsamen Basis getroffen werden können.

Wenn Sie drei Dinge nennen müssten, die das Ennstal bis 2030 lösen sollte – was steht ganz oben?

Herbert Decker: Ganz oben stehen drei Punkte: Gesundheitsversorgung, Bildung und eine aktive Standortpolitik. Beim Leitspital werden wir in ein paar Jahren zurückschauen und sagen: Wir haben wertvolle Zeit verloren. Das wird uns wirtschaftlich und demografisch noch einholen.

… und in der Bildung?

Hier ist es ähnlich. Wenn das Land keine Maßnahmen setzt, müssen wir es selbst in die Hand nehmen – Universitäten und Unternehmen gemeinsam. Wir brauchen Angebote in der Region, sonst ziehen junge Menschen weg, die wir nie wieder sehen.

2021 noch im Austausch: Herbert Decker mit der ehemaligen steirischen Wirtschaftslandesrätin und nunmehrigen Staatssekretärin für Finanzen, Barbara Eibinger-Miedl (Foto: MFL)
Gefragter Wirtschaftskapitän: Herbert Decker mit der ehemaligen steirischen Wirtschaftslandesrätin und nunmehrigen Staatssekretärin für Finanzen, Barbara Eibinger-Miedl. Für die neue steirische Landesregierung findet er kritische Worte. (Foto: MFL)

Bleibt noch die Standortpolitik.

Hier gilt: Weniger Bürokratie, schnellere Verfahren, klare Zuständigkeiten. Viel mehr kann das Land wirtschaftspolitisch ohnehin nicht leisten. Aber es kann Rahmenbedingungen schaffen, die attraktiv sind – für Fachkräfte, für Familien, für Betriebe. Und Zeichen der Wertschätzung setzen. Am Ende geht es nicht darum, ob das Ennstal ‚peripher‘ ist. Entscheidend ist: Gibt es moderne medizinische Versorgung? Gibt es Bildungsmöglichkeiten? Kann ich neben dem Beruf studieren? Wenn diese Fragen mit Nein beantwortet werden, dann kommt niemand her – und viele gehen. Genau das müssen wir lösen.

Sind Sie persönlich optimistisch, dass die Landesregierung die Trendwende schafft?

Herbert Decker: Ich bin kein Optimist, sondern ein Possibilist. Ich hoffe nicht einfach auf das Gute und warte darauf, sondern suche konsequent Lösungeswege, um durch eigenes Zutun das Bestmögliche aus jeder Situation herauszuholen.

Zur Person: In den vergangenen Jahren führte Herbert Decker die MFL durch eine Phase massiver Veränderungen und brachte zentrale Großaufträge wieder nach Liezen – darunter zuletzt auch Projekte aus der Militärindustrie. Unter seiner Leitung entstand im Ennstal eines der leistungsfähigsten Schweißzentren in Mitteleuropa. 2022 wurde er vom Forbes-Magazin als prägende Führungspersönlichkeit des Jahres gewürdigt. In Branchenkreisen gilt er als hervorragend vernetzt und als konsequenter Vertreter einer starken heimischen Industrie.

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